
Dänemark Teil 2
Nach einer sehr erholsamen Nacht in Viborg, ging es gegensätzlich zur vorherigen Überlegung einen Pausentag- und Sightseeingtag einzulegen, doch weiter.
Mir geht es zwar körperlich nicht so gut an diesem Tag, aber manchmal ist das komisch, man möchte Pause machen, doch es zieht einen einfach weiter. Ich gebe also dem Zugvogeldrang nach – und ich sollte die Entscheidung nicht bereuen.

So ging es mit einem wunderbaren Ausblick auf die Viborger Altstadt auch gemächlich und bei bestem Frühlingswetter los.
Kaum hatte ich Viborg hinter mir gelassen tauchte ich bald schon in eine Gegend ein, die ich als das Auenland betitelt habe. Sanfte Hügel, Wälder, Felder, Bauernhöfe. Es war zu idyllisch um nicht ein zweites Frühstück hier einzulegen. 😉




Das Ziel des Tages war Hobro und nur knappe 44 km entfernt. Also eine sehr entspannte Tagesetappe – dachte ich.
Ich rolle auf meinem Weg an einem Kindergarten vorbei. Dort spielen gerade die Kinder im Garten und ein kleiner Junge mit Eimer auf dem Kopf winkt mir zu und ruft mir laut hinterher. „Hva heter du?!“ – „Wie heißt du?!“ Im Vorbeifahren rufe ich ihm meinen Namen zu und winke.
Manchmal frage ich mich, ob solche Begegnungen Wege bereiten. Erinnert sich ein Kind an eine Dame auf bepackten Fahrrad? Wird es davon den Eltern erzählen? Wird es später auch aufbrechen um die Welt auf dem Fahrrad zu erkunden? Ich bin fest davon überzeugt, dass kleine Begegnungen vieles im Leben verändern können. Wer weiß… 🙂
Der Weg überrascht wieder mit einer ausdauernden Hügeligkeit, es wird zunehmend anstrengend.
Mir sitzt die letzte Etappe noch in den Beinen und jedes Bergab wird mit so starkem Gegenwind belohnt, dass ich pedalieren muss. Die kurzen Ruhephasen mit Schwung bleiben also aus. Ich mache öfter kleine Pausen im Windschutz, versuche viel zu essen. Dabei fliegt mir fast das Humusbrot aus der Hand.
Ja, der Wind ist ordentlich heute. Zumal ich scheinbar auf einem Höhenzug fahre.
Jeder Hügel, der einem Waldgebiet endet ist kurzer Windschutz. Manchmal sogar beim Bergab fahren, doch die Straßen haben teilweise ziemliche Schlaglöcher, dass man ziemlich aufpassen muss.
Die Bremsbeläge sind auch nicht mehr die Besten, spätestens in Norwegen werde ich sie wohl wechseln müssen.
Kurz vor meinem Ziel, finde ich einen typisch dänischen Picknick Platz, sogar mit Dach als Sonnenschutz. Dort lege ich mich kurz hin, lege die Füße hoch und döse etwas im Schatten.
Dann geht es auch schon weiter die letzten Kilometer bis in das süße Örtchen Hobro.
Dort bekomme ich einen netten Platz auf dem Campingplatz zugewiesen und genieße die heiße Dusche. Der Nachmittag geht dann hinab in den Ort und da habe ich ihn: Den Meer Moment.
Wenn auch nicht so, wie ich ihn in den Niederlanden erhofft hatte. 😉

Der alte, kleine Ort Hobro liegt an einem Fjord. Nicht so einen, wie Du ihn dir aus Norwegen erhoffst, nein.
Eher unscheinbar. Aber der Wind trägt den Geruch von Meer und Salzwasser mit sich. Die Wellen rauschen und schlagen an das Ufer. Ein schönes Gefühl breitet sich in mir aus – nun bin ich am Meer angelangt!
In ein paar Tagen habe ich mein erstes Traumziel Skagen erreicht. Und dort gibt es dann endlich Pause! Das Wetter sieht für die nächsten Tage auch noch ganz gut aus.
Am nächsten Tag geht es bei weiterhin gutem Wetter weiter.
Zuvor untehralte ich mich noch kurz mit einem älteren Schweden. DIeser hat ein ähnliches Zelt wie ich und ist seit zwei Wochen mit seinem kleinen Klappfahrrad unterwegs – das kann man einfacher im Zug mit nehmen.
Er ist früher mit einem Freund Etappenweise den Ostseeküstenradweg entlang gefahren und da der Freund nun gesundheitliche Probleme hat, versucht er es nun alleine. Aber er fühlt sich viel einsam.
Ich versuche ihm etwas Mut zu machen, dass mir die Einsamkeit am Anfang auch sehr schwer gefallen ist, dass es aber mit der Zeit besser wird und es durchaus auch postive Seiten hat, alleine unterwegs zu sein. Doch ich befürchte ganz überzeugen konnte ich ihn nicht.
Es bleibt auch heute weiter hügelig, der Wind ist weiterhin anstrengend. So fahre ich heute dahin, fluche wegen dem Gegenwind, treffe eine weitere Radreisende, die mir entgegen kommt.

Im kleinen Ort Vebbestrup mache ich auf einem Friedhof Pause.
Ungewöhnlich für uns Deutsche, aber in Dänemark ist es durchaus üblich auf den schön gepflegten Friedhöfen Picknick zu machen. Hier gibt es sogar schöne Tische und Bänke aus alten Baumstämmen. Und um ehrlich zu sein, finde ich diesen Umgang viel schöner, als bei uns in Deutschland. Hier sind Friedhöfe eher nicht dazu angelegt länger als nötig zu verweilen.
Als eine Friedhofarbeiterin mit ihrem Bagger an mir vorbei fährt, unterhalten wir uns kurz und sie wünscht mir noch eine gute Pause.
Man muss sagen, dass ich in Dänemark schon fast zu einem kleinen Kirchenfan mutiert bin. Nicht im Sinne von Religion, sondern als Nutznießer der gut gepflegten WCs, Wasserquelle, Steckdosen in Kirchen und netten Picknickplätzen – manchmal gibt es sogar eine Dusche!
Diese Art von Infrastruktur macht so das Radreisen wirklich zu einem sehr entspannten Erlebnis – ich befürchte allerdings, dass sich das in Norwegen ändern wird.

Nach weiteren windigen Hügeletappen gelange ich an ein Waldstück – Hasseltholt Skov.
Hier mache ich Pause an einem tollen See, dort steht sogar eine öffentlich zugängliche Sauna. Auf der anderen Seite des Bahndamms erkunde ich ein nettes Shelter mitten im Wald, zwei Wanderinnen grillen hier an der Feuerstelle. Dennoch möchte ich noch ein paar Kilometer fahren heute. Ich verbringe noch etwas Zeit am See, döse auf dem warmen Badesteg und fahre denn die letzten Kilometer nach Rebild.



Da ich den Campingplatz in Rebild etwas unsympathisch fand und für Nachmittag Regen angesagt war, hab ich es an diesem Morgen sehr früh aufs Rad geschafft. Um acht Uhr war ich bereits auf dem Sattel und rollte ahnungslos einen Hügel hinab, wo ich eine Vollbremsung einlegen musste, um nicht am Radweg vorbei zu sausen. Dieser bog von der Landstraße auf einen Forstweg ab.
Es roch überall nach Heide (die leider noch nicht blühte), mit den Hügeln und knorrigen Bäumen erinnerte mich die Gegend kurz sehr an Schottland.


Bald darauf kam ich an der hier entspringenden Ravnkilde ( = dt. Rabenquelle) vorbei. Zwischen all den alt ehrwürdigen Bäumen, den Sumpfblumen und dem hohen Gras plätschert sie fröhlich über den Weg in Richtung Bach.
Dieser schlängelt sich glitzernd durch das Gras. Ein wunderschöner Ort, an dem ich mir eine kurze Pause gönnte. Das hier blühende Knabenkraut erinnert mich an den Rheinradweg, dort habe ich es das erste Mal auf dieser Tour sehen dürfen.
Der Rheinradweg… So weit weg – zeitlich wie örtlich…




Nachdem ich dem Plätschern der Quelle für ein paar Minuten gelauscht hatte, ging es dann weiter. Der Forstweg wandelte sich in einen schmalen Trail und so musste ich ein bisschen bergauf schieben. Teilweise wäre für diese Route wirklich ein MTB nicht schlecht…
Der Weg führte mich weiter durch tolle Buchenwälder, die sich aber nach und nach immer mehr lichten.
Ich komme an der Skørping Kirke vorbei, hier gibt es wohl eine Quelle mit heilender Wirkung, aber ich fühle mich heute eigentlich gesund genug und so radle ich einfach weiter.
Sonst geht der Weg so weiter, wie die letzten Tage: Hügel, Wind, Wald. Nur das die Hügel langsam immer sanfter werden.
Ich durchfahre einen kleinen Ort namens Volsted, er ist noch heute typisch mittelalterlich anmutend. Im Ortskern gibt es einen See, um diesen See wurde das Dorf nach und nach errichtet. Eine wohl für diese Gegend sehr typische Art eine Ortschaft an zu legen.
Auch der Weg wird nun wieder sehr historisch. Auf den sog. Hohlwegen führt der Pfad weiter durch den Wald. Wie zuvor in Deutschland kann man sich richtig vorstellen, wie die Ochsen und Heere über diese Wege geführt wurden.
Bald wird es etwas flacher und durch ein Sumpfgebiet rolle ich langsam auf Ålborg zu.

Hier finde ich mich sehr gut auf den Radwegen in der Stadt zurecht und baue schnell das Zelt am Campingplatz auf. Ich mache eine kurze Pause und dann schaue ich mir noch etwas die Stadt an.
Historisch wunderschöne Häuser und auch moderne Architektur fügt sich gut ein. Generell macht Ålborg trotz der Größe (drittgrößte Stadt Dänemarks) einen eher verschlafenen Eindruck.



Gegen Abend fängt es tatsächlich an zu regnen.
Das sorgt dafür, dass ich am nächsten Morgen das Zelt nass einpacken muss. Aber halb so wild – es soll wieder gut werden im Laufe des Tages.
Der Weg wird nun leider etwas unschön. Führt viel durch Industriegebiete und an der Autobahn entlang. Irgendwie fühle ich mich zunehmend unwohl.
Als ich dann aber schließlich wieder einen der Hohlwege erreiche und in den Wald eintauche fühle ich mich wieder besser. Durch wunderbare Landschaft führt mich dieses Stück. Hügel, Lichtungen, Seen, Hügelgräber. Und überall dieses saftige Grün!
Man kann nur ins Träumen kommen!



Dennoch ist auch hier stellenweise sehr technisch anspruchsvolle MTB Action gefragt. Mit einem voll bepackten schweren Esel und ziemlich abgerockten Bremsen nicht so einfach.
Erholung gibt mir ein richtig toller Radweg entlang einer Landstraße. Es geht mit Rückenwind ordentich bergab und ich flitze nur so da hin.
Doch diese Pause sollte nicht lange anhalten. Es folgte eine landschaftlich wunderschöne Tour durch Wald- und Hügellandschaft, aber der Weg blieb weiterhin technisch eher anspruchsvoll. Oft fragte ich mich, ob ich falsch abgebogen bin, aber sowohl die Beschilderung als auch der GPX Track sagten, dass ich richtig fahre – oder besser gesagt, schiebe.

Bald erreichte ich einen ganz tollen Shelterplatz. Verschiedene Hütten verteilt auf Hügeln und Lichtungen, versprachen einen wunderschönen Übernachtungsplatz. Aber da es dort keinen Handyempfang gab und ich mich aus diesem Grund nicht sooo sicher fühlte, hieß es für mich weiter fahren. Allerdings wurde der Weg wesentlich einfacher. 😉




Aber nicht ohne zuvor noch die Schwalben zu beobachten und das Handy kurz an der Steckdose der Naturskolen zu laden, die auch dort beheimatet war.
Mein finaler Shelterplatz liegt etwas unspektakulärer am Rande einer Ortschaft, unweit eines kleinen Sees und einem Naturschutzgebiet.

Am morgen erwachte ich recht früh und bestaunte den nebeligen roten Monduntergang von meinem Shelterplatz aus. Gut geschlafen hatte ich die Nacht leider nicht und so blieb ich noch eine Weile im warmen Schlafsack liegen und beobachtete die Natur beim erwachen.

Heute ist die letzte Etappe vor der geplanten Pause in Skagen. Einem Ort den ich total liebe!
Der Weg nach Frederikshavn war wieder sehr hügelig, von dem eher absteigenden Höhenprofil merkte ich zunächst nichts. Da ich heue wieder früh unterwegs bin, sehe ich ein paar Rehe entlang des Wegs und auch zwei Esel beobachten mich interessiert.


Aber dann habe ich es geschafft. Ich bin beim Endpunkt des Hærvejen angelangt! 🙂
Zur Feier des Tages gab es Süßgebäck und eine Cola – ein bisschen Stolz war ich an dem Punkt ja schon auf mich. 🙂
Leider gab es am Endpunkt kein Schild oder etwas, dass fotogen beweißt, dass man den Endpunkt eines weiten Pilgerwegs erreicht hat. Nur eine Art Kompass war auf dem Boden eingelassen.
Immerhin bin ich diesen Weg nur geradelt, ich stelle es mir etwas ernüchternd vor, nach einer so langen Wanderung an so einem eher unscheinbaren Endpunkt an zu gelangen.

Weiter ging es dann kurz durch die kleine hübsche Altstadt und dann entlang des Meeres über wunderbare Radwege. Ich gönnte mir bei diesem tollen Sonnenschein ein paar Strandpausen.
So wunderbar!

Skagen ist die nördlichste Spitze Dänemarks, hier treffen Nord- und Ostsee aufeinander. Bunker säumen die Küste, Schiffe ankern über Nacht unweit vom Strand und so hat man immer etwas zu entdecken. Ein ganz besonderer Ort!



In Ålborg hatte ich zuvor einen Deutschen getroffen, der mir den Campingplatz in Bunken wärmstens empfahl und so bekam ich einen Zeltplatz direkt hinter der Düne. Ein paar Schritte und ich war am Meer!


Dies nutzte ich sogleich aus. Im warmen weißen Sand liegend, dem Meer und den Möwen lauschend, lag ich den Nachmittag einfach nur da und genoss das Leben. Ich beobachtete kleine Garnelen, die meine Füße untersuchten, sah eine kleine Mini-Scholle…
Und so hatte ich nun das wirklich große Meergefühl, welches ich mir zuvor ja schon am Nordseeküstenradweg erhofft hatte – nur an der Ostsee.

Am Abend rollte tiefes Donnern von Schweden heran. Der Wind frischte ordentlich auf, eine düstere Wolkenfront bildete sich. Gewitter!
Aber es war zum Glück schnell vorüber gezogen und gab nochmal den Blick auf einen wunderschönen Sonnenuntergang frei.
Danke Dänemark, du kannst so wunderschön sein!
