
Auf zu neuen Ufern
Am Morgen liegt dichter Nebel über dem Campingplatz und der doch sehr ruhigen Ostsee. Es scheint kein Wind zu gehen.
Ich fühle mich rastlos, zwinge mich noch etwas liegen zu bleiben, in Ruhe zu Frühstücken. Aber die innere Unruhe bleibt weiterhin.
Bald wird die Nebelschicht dünner und nach und nach schiebt sich die Sonne mir ihren Strahlen durch das Grau.

Eigentlich wollte ich heute nichts machen – und damit meine ich wirklich nichts. Nur am Strand liegen, mich nicht viel bewegen, die Beinchen ins Meer und die Seele im Meereswind baumeln lassen. Aber leider habe ich gestern nicht mehr richtig eingekauft und das Essen ist hier doch noch etwas billiger als in Norwegen. Also schwinge ich mich – rastlos wie ich heute bin – auf mein Rad um nach Skagen zu radeln. Ich kaufe ein, lasse dabei mein Handy am Fahrrad hängen und es wird nicht geklaut. Zum Glück!
Ich merke auf den knapp 30 Kilometern, die ich an diesem Tag fahre, wie sehr die Luft raus ist. Der Rückweg zieht sich elendig. Will ich doch nochmal an einem schönen Ort, der versandeten Kirche vorbei. Gegen die innere Stimme biege ich dort hin ab, mache vor Ort nochmal Pause und stelle mit Freude fest, dass man sogar in den Kirchturm darf. Irgendwie schon lustig, eine Kirche, die von einer Düne mehr und mehr verschluckt wurde.

Müde schaffe ich es nicht einmal ganz hinauf in den Turm und trete den Rückweg an. Unterwegs muss ich nochmal eine Pause in der schönen Heidelandschaft machen.
Zurück am Campingplatz schaffe ich es noch zum Strand, wo ich kurz ins Wasser springe, mich von Shrimps anknabbern lasse und weitere kleine Fische beobachte. Dann schlafe ich in den Dünen ein, in den Schlaf begleitet vom sanften Wellenrauschen.
Ich döse und denke nach. Morgen soll das Wetter um schlagen. Nicht nur in Norddänemark soll es Schütten, nein, auch die nächsten Tage in Südnorwegen sehen nicht so gut aus. Mehr und mehr komme ich in einen unguten Gedankenstrudel.
Abends kommt nochmal ein ordentliches Gewitter von Schweden herüber.

Gut geht es mir an diesem Tag nicht wirklich. Mein Körper ist erschöpft, ein paar Tage Pause wären hier wohl nötig gewesen, ich entscheide mich aber wegen dem Wetterbericht dagegen. Mein Kopf ist überfordert und müde. Vorfreude wechselt sich mit Angst ab. Angst davor, dass Norwegen doch eine Ecke zu Groß für mich sein könnte. Ich erinnere mich an diverse abgebrochene Wanderungen, wegen des schlechten Wetters. Mache mir Sorgen, wegen Dingen um die ich mir keine Sorgen machen sollte… Ich habe doch niemandem etwas zu beweisen und doch hängt mir der übelste Kritiker meiner selbst im Nacken – ich.

Am nächsten Morgen werde ich durch die Sonne geweckt. Perfekt um alles trocken ein zu packen – vielleicht hat der Wetterbericht ja doch falsch gelegen und es wird gar nicht so schlimm?
Mein Magen grummelt, als ich los fahre – es zieht auch ein kurzes Gewitter auf ich stelle mich nochmal beim Campingplatz unter. Es fühlt sich nicht gut an weiter zu radeln -aber wie so oft verfliegt dieses Gefühl nach den ersten Kilometern.

Der Weg biegt heute nach Westen, in Richtung Hirtshals, ab. Es geht bei Sonnenschein und blauem Himmel durch die Wunderschöne Dünen- und Heidelandschaft. Bei einem Shelter halte ich an und möchte einen besseren Blick auf die Wanderdüne von einem Aussichtsturm ergattern. Den bekomme ich auch, muss ihn allerdings mit Millionen an Mücken teilen. So mache ich nur ein paar Fotos und gehe den wunderschönen Weg zurück zum Rad. Ab diesem Punkt merke ich, wie nah Norwegen sein muss, ist doch alles mit Rentierflechte übersät…




Die Wanderdüne Råbjerg Mile wandert pro Jahr ca. 15 Meter nach Nordosten. Bei einer Höhe von 40 Metern ist sie eine der größten Erhöhungen in der Region und hat schon dafür gesorgt, dass ein Leuchtturm umgesetzt werden musste. Sie hat auf ihrem Weg auch schon ganze Häuser und Bäume verschluckt, die nach 40 Jahren wieder frei gegeben werden.
In dem Gebiet sollte man etwas vorsichtig sein, das es Stellen mit Treibsand gibt.

Weiter geht es durch Heidelandschaft, bald durch Wald auf bestem Radweg, mal über Teerstraßen.
Ich treffe hier endlich auf mehr Radreisende, nur leider waren auch sie alle in die andere Richtung unterwegs.

Als ich an einem Picknickplatz im Wald eine Pause einlegte, sehe ich schon wie schwarz der Himmel wird und ich gebe nochmal ordentlich Gas. Es war wirklich pures Glück, dass ich die Rezeption am Campingplatz gerade betreten habe, bevor sich die Himmelsschleusen öffneten. Es schüttete sicher eine halbe Stunde so richtig wild. Bald darauf kam aber auch wieder die Sonne raus und ich hatte noch einen schönen sonnigen Abend in Hirtshals.






Mit Leuchtturm, Sonnenuntergang am Strand und gegen Abend kamen noch ganz viele andere Radler (natürlich aus Frankreich) an.
Am nächsten Morgen habe ich wieder Glück und kann mein Zelt trocken einpacken.
Ich habe noch etwas Zeit und so unterhalte ich mich mit den anderen Radlern, die einen fahren auch nach Norwegen, nur leider mit einer anderen Fähre. Das andere Pärchen fährt den Küstenradweg in Richtung Süden. Schade, hätte ich mich doch über ein bisschen Begleitung gefreut.
An der Fähre warte ich zwischen norwegischen Motorradfahrern, die mir gleich noch mehr Angst einreden wollen. Bis zu den Lofoten radeln?! Ob ich mir das gut überlegt hätte, das Wetter da oben wäre verrückt und als Radler wäre das sehr gefährlich.
Leider schlagen diese Worte genau in eine Kerbe, mit der ich seit gestern eh zunehmend zu kämpfen habe.
Bevor die Fähre einfährt, fängt es natürlich auch an zu regnen und es wird nochmal nass, bis wir an Board dürfen.
Auf der Fähre merke ich, wie müde ich bin. Nach einem ordentlichen Essen und dem Kauf des ersten Kvikk Lunsj der Tour, setze ich mich an einen Platz und schlafe die halbe Fahrt.
Normalerweise wäre ich ständig auf Achse und würde aufs Meer hinaus gucken. Aber es ist kalt und es regnet Hunde und Katzen. Mutlos sitze ich und starre aus dem Fenster ins Grau.
Laut Wetterbericht soll es genau so bleiben die nächsten drei Tage. Drei Tage, die ich dafür geplant hatte in Norwegen an zu kommen, das wild campen alleine zu „üben“ und dann bei meiner Cousine eine Woche Pause zu machen… Mein Herz rutscht mir in die Hose und noch weiter. So viel Regen! So viel Wasser! Und der Wind!
Ich schreibe mit meiner Cousine, ob ich mit dem Zug abkürzen dürfte und heute schon anreisen dürfte. Glücklicher Weise ist das kein Problem.
Irgendwann spricht mich ein Typ an. Sein Name ist Waren und er kommt aus den Niederlanden. Hat allerdings in Deutschland studiert und spricht deswegen fließend deutsch. So unterhalten wir und etwas. Er hat schon viel erlebt, hat in Kanada gelebt und besucht nun Freunde in Norwegen.
Als wir uns so unterhalten, auch über das fürchterliche Wetter die nächsten Tage, bietet er mir an, mich bis Drammen im Auto mit zu nehmen.
Ich überlege kurz und beschließe dann die typischen Bedenken (steig doch nicht bei fremden Männern ins Auto ;)) über Bord zu werfen und freue mich trocken zu meiner Cousine zu kommen.
In Larvik schüttet es so sehr, dass auf den Straßen richtige Flüsse entstehen.

Eine französische Familie fährt mit breitem Grinsen und ihren Rädern an mir vorbei – auch sie hatte ich zuvor am Campingplatz noch getroffen. Ich frage mich, die wirklich so gute Laune haben, oder das nur machen, um die Kinder zu motivieren mit zu ziehen…
Egal, wir verzurren das Rad auf dem Dach und kommen trocken und warm in Drammen an.

Nach zwei Tagen wird das Wetter besser, wir gehen an den Fjord zum SUPen, ich gehe in einem Bergsee schwimmen und hohle mir einen leichten Sonnenbrand.
Während in Oslo das Wetter die Woche besser wird, säuft das „daheim“ ab. Nach drei Tagen Entwarnung – mein Keller ist zum Glück trocken geblieben.

Aber alles zusammen nagt an mir. Ich merke, dass irgendwas nicht stimmt.
Als ich weiter fahren möchte, bricht dann alles irgendwie in sich zusammen.
Das Wetter ist scheiße, der Weg den ich zuvor raus gesucht habe ist von einem Erdrutsch fast weggespült worden. Bäume liegen über den Wegen, die Landstraßen sind dicht befahren und obwohl alle Autos große Abstände halten, fühlt sich das alles gerade nicht gut an.
Abbruch.




Zerknirscht trete ich den Rückweg an, natürlich strahlt dabei die Sonne, als hätte sie vorher nichts anderes gemacht.
Erst beim späteren drüber Lesen ist mir dieser Punkt so richtig aufgefallen: wie sehr einen so eine Reise prägt und wachsen lässt.
Heute hätte ich sicher anders reagiert; wäre stumpf in irgend eine Richtung weiter gefahren, Zeit und Zeltplatz wären zu dem Zeitpunkt eigentlich kein Problem gewesen.
Auf dem Rückweg fällt am Wegesrand auch etwas auf, das ich schon lange nicht mehr gesehen habe: Weinfelder.

Ich beschließe mein Fahrrad bei meiner Cousine zu lassen und mit dem Zug weiter zu fahren.
Mein Körper braucht Ruhe, die soll er bekommen.
Zähneknirschend buche ich also meine Interrailticket nach Nordnorwegen. Und verkacks dabei auch nochmal ordentlich…
Abends packe ich den geliehenen Wanderrucksack und trete die nächste Reise an. Andres als gedacht, höchst unzufrieden mit mir selbst und total fertig.
Ich lerne in diesen paar Wochen sehr viel, aber es gibt im nächsten Post sicher mehr Gelegenheit drüber zu schreiben.
Es geht in den hohen Norden! Auf die Lofoten! Und eines kann ich Dir schon einmal verraten: Es wird magisch!
Freu Dich drauf! 🙂
