Gold
Ich stehe am Seeufer.
Sanfte Wellen tragen das kalte blaue Wasser ans Ufer und der grobe braune Sand glänzt durch die Sonnenstrahlen.
Mein Körper fühlt sich erschöpft an. Ist das viele Laufen und Wandern nicht mehr gewohnt.

Die Griffe an die Drahtseile und Felsen hatten sich so vertraut und gleichzeitig so weit weg angefühlt. Muskeln werden beansprucht, der Geist driftet mit dem Blick in die Weite.
Die grünen Berge um mich herum, die kleinen vereinzelten Holzhäuschen am Seeufer. Die Möwen und eine lang gesuchte Stille.

Nein, es ist nicht diese Erschöpfung, die mich die letzten Wochen irgendwie im Griff hatte.
Es ist diese Art von Entkräftung, die sich in mir einstellt, wenn der Körper so viel Kraft fordert, dass der ewig rasende Kopf endlich (endlich!) Ruhe gibt. Keine Selbstvorwürfe, keine Zukunftsängste, kein „Was wäre wenn“, pure Ruhe – das Gefühl von purer Kraft.
Etwas das ich früher regelmäßig bei Bergtouren fand, aber dann zwischen Überstunden, zu vollem Terminkalender und tiefster Lebensmüdigkeit abhanden kam.

Es ist blauer Himmel, als ich die dunklen Jalousien öffne.
Bald laufe ich an der Leitplanke zwischen Straße und eisblauem Wasser entlang. Wie verwunschen liegen die kleinen roten Häuschen am Fels. Noch ist nicht so viel los auf den Straßen, eine Ruhe liegt über den Inseln.
Diese Ruhe wird jäh unterbrochen, als ein kleines Auto an mir vorbei flitzt, eine Vollbremsung hinlegt und den Rückwärtsgang ein.
Kurz wundere ich mich. Doch dann geht das Beifahrerfenster runter und ich schaue in zwei glückliche Gesichter die mir lachend aus dem Auto entgegen rufen.
Ist ist das ältere Pärchen von der Fähre. Sie erzählen mir überschwänglich von ihrer tollen Unterkunft, wie schön Å i Lofoten ist und das sie heute zu einem dieser weißen Strände fahren. Sie wünschen mir viel Spaß bei meiner Wanderung und fahren winkend weiter.
Wie sehr sie ihrer letzte Große Reise genießen und wertschätzen können. Kann man soetwas verlernen – lernen?
In Reine warte ich auf den Bus, der mich nach Å fährt.
Als eine englische Touristin zusteigen will und ein Ticket für „Ae i Lofoten“ kaufen möchte, ärgert sie der Busfahrer ein bisschen.
„It’s called Oh i Lufotn, say it again.“
Die Touristin ist sichtlich verwirrt und wiederholt es nochmal, ein anerkennendes Nicken des Busfahrers und sie darf ihr Ticket nehmen.

Der Bus spuckt mich in Å aus und ich lasse das Fischerdörfchen links liegen.
Mein Weg führt mich in Richtung Berge.
Dort gibt es einen See und wenn man seinem Ufer folgt, landet man an einem Gebirgskamm. Überschreitet man diesen, gelangt man an einen der weißen Strände die nicht von Touristen überschwemmt sind. Dazu ist er schlichtweg zu schwer zu erreichen.
Als ich jedoch den Schnee und die Höhe der Berge sehe, wird mir klar, dass der weiße Strand auch von mir nicht besucht werden wird.


Und so mache ich mich auf den vermeintlich einfachen Weg entlang des Ufers.
Bald schon klettere ich über Felswände, durch Drahtseile gesichert. Steige viel hoch und wieder runter. Immer den Blick auf die Felswände, die das andere Ufer wie ein großer Bruder beschützen wollen. Das Rauschen des Wasserfalls ist weithin hörbar.
Und den blau vor mir liegenden See.



Ich folge mit meinem Blick den Wolken, die sich wie ein Mantel um den enormen Bergriesen legen.
Die Wolken malen auf das satte Grün der Berghänge ihre Schatten. Was für ein wunderschönes Schauspiel!
Ab und zu passiere ich kleine Holzhäuschen mit eigenem Bootssteg. Doch sie sind alle verlassen.
Vereinzelt treffe ich ein paar andere Wandernde. Aber im Großen und Ganzen bin ich alleine.
Um mich herum ist alles felsig und schroff und doch so saftig grün.


An der Spitze des Sees angekommen mache ich kurz Pause, überlege in den See zu springen, aber mir ist durch den leichten Wind etwas kalt und so streife ich durch das Moor, welches sich vor mir auf tut.
Es blühen so viele Blumen überall, Wollgras und Knabenkraut. Aber auch viele Pflanzen die ich nicht bestimmen kann. Eine davon ist der Fieberklee, mit seinen weißen haarigen Blütenblättern, die aussehen als wären sie gerne kleine Eisbären.



Neben mir hoppeln zwei graue Schneehasen durch das Dickicht und verschwinden im kleinen Birkenhain.
Ich habe noch nie freie Schneehasen gesehen und hatte es bisher auch noch nie auf der Liste von Wildtieren, die ich unbedingt im Leben mal in der Wildnis gesehen haben muss.
Doch jetzt wo sie sich mir zeigen, fühle ich mich unglaublich dankbar. An ihrem grauen Pelz hängen immer noch ein paar weiße Flecken vom Winterfell.
Eine Weile suche ich mir einen Felsen um von dort weiter Ausschau nach ihnen zu halten.
Ab und zu sehe ich sie noch im Gestrüpp hoppeln. Doch andere Wanderer scheuchen sie auf.
Wir sind zu viel Stress für sie und so erhebe ich mich langsam und trete den Rückweg zum See an.

Über eine kleine Brücke geht es über einen Bach und dann zum anderen Ufer.
Hier wird es nochmal felsig und der Weg schlängelt sich schmal durch die Birken auf und ab. Über große Findlinge und steile Grasnarben.
Bald geht es überraschend hoch hinaus und von der hart erarbeiteten Anhöhe hat man einen unglaublichen Blick über den gesamten See.
An einem Strand mit vielen größeren Steinen und scheinbar Rastplatz für Gänse, mache ich nochmal eine Pause. Und nun traue ich mich ins kalte Wasser. Es ist wirklich eisig und glasklar! Aber mehr als zwei-drei Schwimmzüge schaffe ich nicht.
Erfrischt lasse ich mich in der Sonne trocknen.

Eine Norwegerin mit ihrem Hund läuft vorbei.
Wir kommen kurz ins Gespräch. Sie ist alleine und ohne Handy mit einem ausgebauten Van unterwegs. Dieser hat leider beim Herunterfahren von der Fähre einen Motorschaden erlitten und so muss er nun erst mal repariert werden. Deswegen hat sie jetzt viel Zeit hier die Gegend zu erkunden.
Ich frage sie, wie es ist, so ganz ohne Handy?
Sie lacht nur und fragt mich, was mich dazu bewegt mit dem Fahrrad durch Norwegen zu fahren? Das wäre ja verrückt!
Wir beide lachen. Und dennoch kann jede den Beweggrund der Anderen gut verstehen.
Es ist der Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit.
Wenn ich ehrlich bin: ohne Handy, ich wüsste nicht ob ich das könnte.
Und dieser Gedanke ist ein hartes Eingeständnis.
Wir sind alle Abhängig! Abhängig davon unsere Ängste, Anerkennung und unsere innere Leere durch dieses Ding füllen zu müssen.
Die Notwendigkeit des Nutzens ein doch oft eher nur vorgeschobener Grund.


Eine Radreise ohne Smartphone… Ich würde es nicht schaffen, wenn ich ehrlich zu mir bin.
Und jetzt bin ich nicht einmal Team Social Media – zum Glück, denn wie würden sich diese Leute erst fühlen?!
Doch ich schiebe diesen Gedanken beiseite, lasse sie treiben, wie die Wolken über mir. Genieße das Hier und Jetzt, lasse mein Handy in diesem Moment bewusst wieder in der Tasche.
Wenn ich diesen Moment nur für mich hat, warum muss ich ihn erzwungen teilen?
Ein Teilen, dass einem das Zusammen im Moment nur vorgaukelt?
Dann breche ich wieder auf.
Hier treffe ich ein finnisches Pärchen, dass ich zuvor schön öfter mal PingPong mäßig überholt habe.
Es geht wieder stramm hoch und runter, über Felsen und große Steine, über Wurzeln und zwischen den engen Birkenstämmen hindurch. Ich liebe es!
Und bin dennoch froh, gleich am Ziel zu sein.
Müdigkeit kommt in mir auf.
Als wir den Wald verlassen, gibt es ein paar Holzbalken, die eine Stufenbildung im Hang erhalten sollen. Die Erde hat es aber wohl schon länger davon gespült und so stehen einfach nur kleine Holzbarrikaden auf dem Weg.
„Look, all this new obstacles!“, meint der Finne nur und sein schallendes Lachen hallt durch das Tal. Es ist ansteckend.
Er wirkt wie ein gemütlicher finnischer Bär, sie wie ein stetig wachsames Reh an seiner Seite.
In Å i Lofoten trennen sich unsere Wege.


Ich habe noch etwas Zeit bis der Bus zurück fährt und so laufe ich noch etwas durch diesen kleinen Ort. Die roten Holzhäuschen säumen die Felsen und stehen teilweise auf Stelzen im Meer.
Wie ein typisches Postkartenmotiv – viel zu perfekt um wahr zu sein. Aber ich stehe wirklich hier.
Der Geruch es Meeres und der weiche süßliche Duft der Blumen zwischen den Felsen.
Blauer Himmel über mir, türkisblaues Wasser unter mir.
Im Bus heim funktioniert meine Karte nicht und der Busfahrer winkt mich einfach durch.
Mein Handy vibriert, eine Nachricht von Anna. Anna und Arnald kommen aus Stockholm und wohnen mit mir in der gleichen Unterkunft. Sie hatten mir im Vorfeld angeboten, wenn ich den Bus verpassen sollte, mich mit heim zu nehmen. Doch der Bus rollt bereits.

Die Sonne steht um kurz vor zwölf immer noch am Himmel. Ich kauere mich hinter einen großen Findling um so den aufkommenden kalten Wind zu entkommen.
Sonnenstrahlen breiten sich Fächerförmig hinter den dunklen Bergen aus.
Eine Landschaft wie in Gold getunkt.



Der Wind bringt das Gras um mich zum rascheln, trägt den Duft der Blumen und ausgleichende Ruhe mit sich.
Ich friere und zittere, dennoch kann ich mich nicht los reißen.
Es ist der letzte Tag auf den Lofoten.
Und aus purer Unzufriedenheit, über die eigenen Grenzen, ist binnen zweier Tage Zuversicht und Kraft entstanden.
Mit geschlossenen Augen lausche ich. Sauge alles in mich auf.
Esse meine letzten Lefse.

Süßer Zimtgeschmack auf der Zunge und süße Freiheit direkt vor einer Nasenspitze.
Innerlich fühlt sich dieser Ort wie ein neues Zuhause an.
Ein Ort an dem ich ein großes Stück meines Herzens verloren habe.
Mit einem letzten Blick zu den Bergen vor mir, den Sonnenstrahlen, die das Meer zu Gold verwandeln, erhebe ich mich. Ich kann meinen Zehen und Finger nicht mehr spüren.
Aber es ist mir egal, denn ich bin voll von diesem Gold, das diese Inseln mir geschenkt haben.

Just like the seed
I don’t know where to go
Through dirt and shadow, I grow
I’m reaching light through the struggle
Just like the sea
I’m chasing the wonder
I unravel myself
All in slow motion
Aurora – The Seed
Und als das Schiff am nächsten Tag ablegt, sitze ich an Deck in der Sonne und sehe wie die Lofoten am Horizont immer kleiner und kleiner werden. Noch immer fühlt sich alles an, als wäre es in warmes Gold getaucht.
Farvel, Lofoten, bare kjærlighet til deg!
